Europäischer Herbst der Hai-Experten 2002: Viele Anstrengungen um Schutz von Haien und Rochen und einige historische Erfolge
24. November 2002
Die gute Nachricht vorweg: Die 12. Artenschutzkonferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) hat zum ersten Mal und nach jahrelang vergeblichen Bemühungen zwei Haiarten in den 2. Anhang des Schutzabkommens gestellt. Damit wird der Handel mit diesen Tieren zwar nicht verboten, kann aber innerhalb der 160 Mitgliedsstaaten im Sinne der Arterhaltung kontrolliert und überwacht werden.
Walhaie (Rhincodon typus) und Riesenhaie (Cetorhinus maximus), planktonfilternde Meeresgiganten und die größten Fische überhaupt, werden schon seit vielen Jahren vehement bejagt und die Bestände sind weltweit dramatisch zurückgegangen. Wie andere Haie auch, sind gerade diese Arten extrem langsam in ihrem Wachstum, erreichen erst spät Geschlechtsreife und haben nur wenige Nachkommen. Somit sind sie in besonderem Maße durch Überfischung gefährdet und Hai–Experten wie Naturschützer weltweit fordern seit Jahren die Aufnahme dieser und anderer Hai–Arten in den Anhang 2 des Washingtoner Artenschutz–Übereinkommens.
In dramatischen Abstimmungen und Debatten wurden die Anträge von England und den Philippinen (Riesenhai) und Indien (Walhai) zunächst knapp abgelehnt, in einer späteren Abstimmung am letzten Tag der Konferenz jedoch knapp aber deutlich befürwortet. Der Widerstand kam vor allem von Teilen der Fischindustrie, die es grundsätzlich ablehnen, das Schutzkonventionen sich mit dem Schutz von Meeresfischen beschäftigen. Bemerkenswert ist, dass einige Regierungen mittlerweile den "nicht–konsumptiven" Wert vieler Haie als einen viel wichtigeren wirtschaftlichen Faktor erkannt haben, als den Handel mit Produkten toter Tiere. Die Delegationen zum Beispiel der Philippinen, Indiens, Madagaskars, Mexikos, aber auch Südafrikas haben deutlich für den Schutz wegen dem Nutzen durch Öko–(Tauch-)Tourismus argumentiert und geholfen, die Entscheidung gegen die Interessen aus Japan, Island und z.B. Norwegens durchzusetzen.
Der Erfolg basiert zu einem großen Teil auf der langjährigen Arbeit und Kooperation von u.a. dem englischen Shark Trust, in Personalunion mit der Shark Specialist Group der IUCN (International Union for the Conservation of Nature), der EEA (European Elasmobranch Association) zuzuschreiben, der auch die D.E.G. (Deutsche Elasmobranchier–Gesellschaft) angehört und dem Internationalen Tierschutz–Fonds (IFAW Deutschland. Der Erfolg für die Riesen- und Walhaie auf der CITES–Konferenz ist ein Highlight in einem wahren "Herbst der Hai–Experten", der sich nach dem "Sommer der Hai–Unfälle" 2001 heuer in Europa zutrug und nicht nur von Erfolgen gezeichnet ist...
Zunächst kamen Anfang September speziell europäische, aber auch international hochkarätige Hai- und Rochenspezialisten, Forscher, Fischereibiologen und Naturschützer in Cardiff / Wales zusammen, um das alljährliche Symposium der EEA (European Elasmobranch Association) abzuhalten. Wie schon zuletzt in Kiel 2001, wurden auch in diesem Jahr spezielle Resolutionen verabschiedet, die mehr Schutz und Überwachung von stark überfischten Hai- und Rochenpopulationen in europäischen und nordatlantischen Gewässern dringlich anmahnen und speziell nach Verboten für das "Finning", dem Abschneiden der Hai–Flossen bei Verwerfung des restlichen Tieres rufen.
Jährlich verlieren Abermillionen von Haien, meist als Beifang, weltweit nur ihrer Flossen wegen das Leben, welche dann auf dem asiatischen Markt teuer gehandelt werden. Gemahnt werden sollte hier die EU Fischerei–Kommission, die momentan ihre Fischereipolitik neu ausrichtet und, wenn auch langsam, vielversprechende Fortschritte in dieser Richtung vollzieht.
Europäische Fischereiflotten weltweit sind als Zulieferer von Hai–Flossen für den asiatischen Markt aktiv, ohne dass es hierfür konsequente Überwachungs- oder Kontrollmechanismen gibt. Mittlerweile hat Spanien, eine der größten Fischereinationen überhaupt und bisher in Europa stärkster Widersprecher, ein klares Bekenntnis zum Verbot des "Finnings" abgelegt, womit ein wichtiger Schritt getan ist, um auch von Europa aus Zeichen zu setzen für ein Bewusstsein des notwendigen Schutzes der weltweit stark überfischten Hai- und Rochenpopulationen.
Dank der Bemühungen vieler beteiligter Nicht–Regierungs–Organisationen in den letzten Jahren wird jetzt in der EU auf höchsten Ebenen über eine Regulierung der "Finning"–Problematik diskutiert, ein Verbot als Möglichkeit angedeutet. Dabei geht es nicht zuletzt darum, Europa als Ganzes in eine Vorbildposition auf die Seite jener Nationen zu bewegen, die den 1999 von der FAO (Food and Agriculture Organisation, Welternährungsorganisation der UNO) ins Leben gerufenen "Internationalen Aktionsplan zum Schutz und Management von Haien (und Rochen und Chimären)" umzusetzen. Nur wenige Nationen habe bis jetzt deutliche Maßnahmen zum Schutz dieser Tiere eingeführt, in der Hauptsache die USA, Australien, England, Italien und Malta.
Mitte September diesen Jahres ereignete sich ein weiterer Meilenstein der weltweiten Anstrengungen zum Schutz der Haie und Rochen: Mit dem Jahrestreffen der international besetzten Nordwestatlantischen Fischereiorganisation NAFO (Northwest Atlantic Fisheries Organisation) in Santiago de Compostela in Spanien wurde erstmals ein Symposium speziell zum Schutz und Management von Haien und Rochen abgehalten, international hochkarätig besetzt mit namhaften Wissenschaftlern aus Europa, den USA, Kanada, Australien, Südafrika, Russland und Südamerika, um nur einige zu nennen. Neben dem wissenschaftlichen Austausch über neueste Erkenntnisse der immer noch völlig unterrepräsentierten Forschung an diesen Tieren wurden wiederum Empfehlungen als Resolutionen verabschiedet, um speziell den Schutz von sehr stark überfischten Rochenarten des Nordatlantiks sowie zunehmend unter Fischereidruck geratenden Tiefenwasserhaie anzumahnen. Diese wurde jedoch von den zuständigen Gremien der NAFO nicht zur Umsetzung empfohlen.
Zusätzlich erarbeitete die bereits erwähnte Shark Specialist Group der IUCN (International Union for the Conservation of Nature) im Rahmen dieser Fachtagung aktuelle Listen gefährdeter Arten von Haien und Rochen in europäischen Gewässern, speziell des Mittelmeeres.
Mit der Artenschutzkonferenz in Chile geht somit eine spannende Saison für "Hai–Experten" zu Ende, die nach einigen Teil- aber auch Misserfolgen nun mit einer historischen Entscheidung im Guten aufwarten kann. Doch dies ist wiederum nur ein kleiner Erfolg, denn das Massensterben der Haie, Rochen und Chimären geht weiter, und es steht zu befürchten, dass die Trägheit der Bürokratien und der Unwille der Fischereiindustrie, diesen extrem überfischungsgefährdeten Tieren die ihnen zustehende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, zu viel Zeit kostet und wir den Zusammenbruch weiterer Bestände und das regionale Verschwinden weiterer Arten erleben werden.
Es besteht dringender Handlungsbedarf, in Zusammenarbeit mit den Fischern und Gemeinden vor Ort, genauso wie auf internationaler Ebene. Die Vorbereitungen der "Hai–Experten" weltweit für die nächste Runde von Konferenzen im Streben nach dem Erhalt der Artenvielfalt in den Ozeanen laufen schon jetzt auf Hochtouren.
Boris Frentzel–Beyme