Citizen Science im Meeresschutz: Was iNaturalist-Daten über Haie und Rochen in Mosambik verraten
08. Juni 2026
Haie und Rochen gehören zu den am stärksten bedrohten Tiergruppen der Weltmeere. Gleichzeitig wissen wir in vielen Regionen noch erstaunlich wenig darüber, welche Arten dort eigentlich vorkommen, wie häufig sie sind oder wie sich ihre Bestände verändern. Gerade in Ländern mit begrenzten finanziellen und wissenschaftlichen Ressourcen gibt es oft nur wenige langfristige Monitoringprogramme oder regelmäßige Datenerhebungen. Genau hier kann Citizen Science einen wichtigen Beitrag leisten.
In einer kürzlich veröffentlichten Studie wurde untersucht, welchen Beitrag Citizen-Science-Plattformen wie iNaturalist zur Erforschung von Haien und Rochen leisten können. Dafür wurden alle verfügbaren iNaturalist-Beobachtungen von Haien und Rochen entlang der mosambikanischen Küste aus den Jahren 2007 bis 2025 ausgewertet. Insgesamt kamen dabei 408 Beobachtungen zusammen. Dokumentiert wurden 44 verschiedene Arten, darunter Walhaie (Rhincodon typus), Mantarochen (Mobula alfredi und M. birostris), Zebrahaie (Stegostoma tigrinum) sowie zahlreiche weitere Rochenarten.
Besonders seit 2019 ist die Zahl der gemeldeten Sichtungen deutlich angestiegen. Das hängt vermutlich mit mehreren Faktoren zusammen: Smartphones und Internetzugang sind deutlich verbreiteter geworden, Plattformen wie iNaturalist bekannter und gleichzeitig spielt auch der Tauchtourismus im Süden Mosambiks eine wichtige Rolle. Die meisten Beobachtungen stammen aus dem Süden des Landes, insbesondere aus Inhambane und Maputo. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass dort auch die meisten Haie und Rochen vorkommen. Wahrscheinlicher ist, dass dort einfach deutlich mehr getaucht, fotografiert und dokumentiert wird. Für Zentral- und Nordmosambik liegen dagegen weiterhin deutlich weniger Daten vor.
Rund 71 % der dokumentierten Beobachtungen entfielen auf Arten, die laut IUCN als bedroht eingestuft sind. Gleichzeitig zeigte der Vergleich mit den aktuellen Fischereibestimmungen Mosambiks, dass mehr als die Hälfte aller Beobachtungen Arten betraf, die bislang nicht geschützt sind. Zwischen wissenschaftlicher Gefährdungseinstufung und tatsächlichen Schutzmaßnahmen besteht also nach wie vor eine deutliche Lücke.
Interessant war außerdem die räumliche Überschneidung der Beobachtungen mit sogenannten „Important Shark and Ray Areas“ (ISRAs), also Gebieten mit besonderer Bedeutung für Haie und Rochen. Über 90 % aller Beobachtungen stammten aus solchen Gebieten. Gleichzeitig lagen jedoch nur rund 17 % der Beobachtungen innerhalb ausgewiesener Meeresschutzgebiete, was darauf hindeutet, dass wichtige Lebensräume vieler Arten bislang nicht ausreichend geschützt sind.
Natürlich haben Citizen-Science-Daten auch ihre Grenzen. Arten können falsch identifiziert werden, einige Arten lassen sich nur schwer sicher bestimmen und die Beobachtungen sind geografisch nicht gleichmäßig verteilt. Trotzdem waren in der Studie mehr als 80 % der Beobachtungen als „Research Grade“ eingestuft, also durch andere Nutzer überprüft und wissenschaftlich nutzbar. Innerhalb dieser Kategorie lag die Fehlerrate bei lediglich rund 3%.
Gerade in Regionen, aus denen bislang nur wenige Daten vorliegen, können Plattformen wie iNaturalist eine wertvolle Ergänzung zur klassischen Forschung sein. Gleichzeitig ermöglichen sie eine Form der Beteiligung, die in der Meeresforschung oft nur schwer umzusetzen ist. Einzelne Beobachtungen von Tauchern, Schnorchlern, Fischern oder Küstenbewohnern können dabei helfen, seltene Arten zu dokumentieren oder langfristige Veränderungen sichtbar zu machen. Die Studie zeigt außerdem, dass viele Küstenabschnitte und Meeresgebiete Mosambiks weiterhin nur lückenhaft dokumentiert sind und langfristig gesammelte Citizen-Science-Daten hier ein großes Potenzial für Forschung und Naturschutz bieten.
Publikation:
Maoze D, Buschmann J, Chechene A, van Beuningen D and Lebrato M (2026) Two decades of citizen science reveal spatial biases and conservation gaps for elasmobranchs along the Mozambican coast. Frontiers in Marine Science. doi: 10.3389/fmars.2026.1804041
Jule Buschmann